DER GEIST DES SPIELS

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Von Frank „Nussi“ Nussbücker

Textprobe

Der Geist des Spiels

Nachdem ich hier etliche auf dem Rasen erfochtene und auf den Rängen ersungene Siege gegen Fortuna Düsseldorf, den FC St. Pauli oder Arminia Bielefeld erlebt hatte, dazu ein paar Niederlagen, die ich schnell wieder vergaß, stand das seit fast sechzig Jahren erste Stadtderby um Ligapunkte gegen den mächtigen Westrivalen Hertha BSC an.

Hertha beherrschte nach dem Abstieg aus der höchsten deutschen Spielklasse die Liga, Union dagegen hatte im verflixten zweiten Jahr nach drei Punktspielen lediglich einen Zähler auf der Habenseite. Müder David gegen vor Kraft nur so strotzenden Goliath also – ich traf keinen Einzigen, mich eingeschlossen, der an einen Erfolg unserer Mannschaft glaubte.

Obwohl das Berliner Spitzentreffen lediglich in der Zweiten Bundesliga ausgetragen wurde, drehten sich bereits Tage zuvor nicht nur meine Gedanken stetig um das Derby. „Scheiß Union!“, skandierten die Herthafans am Wochenende zuvor, nach ihrem dritten Sieg im dritten Spiel. 3:1 hatten sie Arminia Bielefeld im Berliner Olympiastadion vom Platz gefegt, während Union auswärts einem bestenfalls biederen SC Paderborn nach offener erster Halbzeit am Ende hoffnungslos 2:0 unterlegen gewesen war.

So mancher Zeitungsartikel, besonders in den bunten Blättern mit den großen Buchstaben, heizte die Stimmung zusätzlich an. Wie üblich orakelten die für jene Blätter tätigen Schreiberlinge von zu erwartenden schweren Ausschreitungen der radikalen Fanszenen, doch auch nach einer echten Zündschnur brauchten sie nicht lange zu suchen: Der Berliner Senat hatte der für hiesige Verhältnisse mal wieder hochverschuldeten Hertha mit ihrem gegenüber Union knapp dreimal so hohen Etat die Miete für das Olympiastadion gestundet, immerhin einen Betrag von 2,5 Millionen Euro. Womöglich konnte Hertha dadurch Spieler wie Ramos oder Raffael halten, für die es sicher ungewöhnlich war, in einer zweiten Liga zu kicken?

„Wenn Ramos im Derby zwei Tore schießt, dann hat der Berliner Senat diese zwei Tore geschossen!“, wurde Unions Sportdirektor in besagter Presse zitiert. Der Vereinspräsident trat gar in einen verbalen Schlagabtausch mit Berlins Regierendem Bürgermeisterstar, sprach von Wettbewerbsverzerrung durch den „Westberliner Senat“, von Ost-West-Problematik, einem ungerechten Herangehen der Politiker.

Mich interessierte das alles herzlich wenig. Ich hatte in der vis-à-vis dem Jahnstadion gelegenen Sportsbar gesehen, wie Hertha seine letzten Spiele bestimmt, wie Union die seinen

zumindest auswärts nie in den Griff bekommen hatte und fürchtete vor allem eins: eine uns gnadenlos deklassierende, vielleicht gar zweistellige Niederlage.

Allerdings bemühte ich mich, mir das nicht anmerken zu lassen. Seit Tagen trug ich trotzig den roten Derbysticker an der Jacke, den mir mein Nachbar geschenkt hatte. Er fertigte selbige in rot und blau und verteilte sie über Mittelsmänner an die Fans beider Vereine. Auf meinen Roten hatte ich in der Sportsbar nicht nur freundliche Blicke geerntet.

Am Morgen des 17. September, einem von der Witterung her erschreckend freundlichen Freitag, setzte ich mich zunächst wie gewohnt an den Computer, um an meinem aktuellen Auftragsbuch zu arbeiten. Nicht lange, da floh ich aus dem bewegten Leben eines fürchterlich erfolgreichen Hamburger Kaufmanns auf die Webpräsenzen der beiden Berliner Vereine sowie in mein Mail-Postfach.

Willst du es wirklich wagen, dich in die Höhle der anreisenden Hertha-Löwen zu begeben?, lautete die Betreffzeile der Mail einer Union-Freundin.

„Willst du wirklich die vermaledeite rote Jacke anziehen?“, fragte mich Pauline am Frühstückstisch. Die „Vermaledeite“ hatte sie mir letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt: eine rote Kapuzenjacke aus einem Second Hand Laden, eigenhändig veredelt mit meinem Spitznamen sowie dem Datum meines Geburtstags, weißen Streifen an den Ärmeln und – vorn links, gut sichtbar – dem langgestreckten Union-Berlin-Aufnäher. Für die Streifen sowie die Rücken-Beflockung hatte sie ihre aller erste West-Jeans zerschnitten. Um herauszukriegen, wohin das Logo kam, erkundigte sie sich bei meinem Freund Clemens. Clemens ist Fußball- aber kein Unionanhänger. So riet er ihr völlig korrekt, das Logo links, also überm Herzen, anzunähen. Allerdings plädierte er dafür, es schräg anzusetzen, statt wie bei Union seit 1966 üblich: nahezu gerade. Ich war der einzige im gesamten Stadion, der unser Logo derart unkorrekt trug, was mir jedoch niemals ein Unioner in irgendeiner Form ankreidete. Ich trug diese Jacke zu jedem Spiel wie ein General die eigens für ihn geschneiderte Paradeuniform.

Endlich war die Zeit heran, die „Vermaledeite“ anzuziehen und jenen langen, rotweißen Wollschal umzulegen, den mir zu Schulzeiten meine Tante auf der heimischen Strickmaschine gefertigt hatte. Zum Abschiedskuss ein tiefer, beruhigend wirken sollender Blick auf Pauline, dabei war ich aufgeregt bis in die Haarspitzen.

Gegen die Nervosität besorgte ich mir am Kiosk an der Ecke ein Bier für den Weg.

„Ein Budweiser bitte“ (unbewusst wohl wegen des rotweißen Etiketts), sagte ich zu dem stämmigen Verkäufer, „und nen Punkt hätte ich gerne, aber den verkoofste mir nicht, oder?“

Seine bis eben gleichgültige Miene bekam einen ernsten, geradewegs besorgten Zug, während er erwiderte: „Ick würd dir liebend jerne dreie jeben, un zwar jeschenkt! … Aba janz ehrlich, ville Hoffnung ha’ick nich. … Naja, viel Glück.“ Umj den Mund die Spur eines Lächelns, reichte er mir Bier und Wechselgeld über die Theke.

In der wie immer reichlich besetzten Straßenbahn Richtung Warschauer, der sogenannten Partytram der Hauptstadt, wie deren meist schwäbelnde oder englisch parlierende Stammgäste sie nannten, war ich der einzige Fahrgast mit Schal. Schluck für Schluck legte sich ein angenehm einlullender Nebelschleier um meine Gedanken. Draußen schien die Sonne, im Friedrichshain stiegen ein paar Schal-Träger zu.

Auf dem Bahnsteig Richtung Erkner waren wir bereits unter uns: Nachdenkliche Gesichter über rotweißen, schwarzen oder blauweißen, die jeweilige Fanschaft anzeigenden Textilien.

„Und, was meinst ihr?“, fragte ich zwei etwas abseits stehende Herthaner.

Ihre Blicke verhießen Rührung, ja sogar etwas wie wohlwollendes Mitleid. „Sei mir mal nich sauer, aber … ne wirkliche Chance habter, denk’ ick, nich“, schenkte mir der eine, „Gegen uns hat sich schon mancher aus der Krise geschossen, aber heute …?“, der andere eine wenn auch unvollendete, so doch eindeutige Antwort.

 

 

 

 

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