Weil Feuer nur unkontrolliert Zerstörung bringt

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Weil Feuer nur unkontrolliert Zerstörung bringt
von Frank Nussbücker

„Die Fans von Union Berlin begannen den Abend mit einer schönen, schicken Choreografie“, räsonierte der Stinkefinger-Mann in BILDs Spielzusammenfassung, um sofort die Murmeltierfell-überzogene Phrasenkeule rauszuholen: „Aber das war leider nur das Vorspiel, um sich dann anschließend so richtig daneben zu benehmen … Meine Güte, manche lernen es halt nie.“ So sein „moralisch wertvoller“ Kommentar zur Eisernen Pyro-Aktion in Aue. Schade, dass er nicht auch noch von „sogenannten Fans“ schwadronierte, welche ja, das wissen wir alle, „den Fußball zerstören!“

 
Unions „Medienpartner“ BZ sparte ebenfalls nicht mit dem Stinke… ähm Zeigefingereinsatz: Ich lese von „Unioner Chaoten“, die eine vierminütige Verzögerung des Anpfiffs verbrachen und obendrein den eigenen Verein zu einem strategisch ungünstige Zeitpunkt finanziell schädigten. Schließlich habe es ja vor gerade mal einer Woche eine satte Strafe des Weltverbandes für die Ausschreitungen von Unionern in Stockholm gegeben.

 
Die Kritik des BZ-Schreibers zielt also auf des modernen Menschen empfindlichste Stelle, das Geld. Hat er natürlich recht. Ein satte vier Minuten später angepfiffenes Spiel bietet entsprechend weniger Platz für das „schönste“, sprich lukrativste am Fernsehen, die Werbung, heutzutage irreführend „Produktinformation“ genannt..

 
Außerdem lese ich in jenem BZ-Artikel die bei einer Nachrichtenagentur abgeschriebene Legende der brutalen Überwältigung einiger Erzgebirgischer Ordner. Nachdem selbige kaltblütig ausgeschaltet, hätten oben genannte „Union-Chaoten“, an ihnen vorbei, die Pyrotechnik ins Stadion geschmuggelt. Diese Variante liegt theoretisch im Bereich des Möglichen, klingt mir zugleich jedoch massiv nach Rechtfertigungsdruck. Klar, die endlose Diskussion um Pyro im Stadion gleicht in vielem jener um die Legalisierung von Kannabis, wie ein mir sehr gut bekannter bärtiger Unioner anmerkt.

 
Eine geradezu phrasenfreie Schilderung des Feuerwerks zu Aue las ich im Berliner Kurier. Mathias Bunkus verfasst ohnehin die meisten seiner Union-Artikel in einer Art, dass ich ihm wiederholt „vorwerfen“ muss: Du schreibst ja wie ein Fan!

 
Zunächst einmal attestiert Bunki den Eisernen Auswärtsfahrern eine gehörige Portion Humor. Das von ihnen gefertigte, zunächst noch verdeckte blockbreite Zaunbanner zeigte nach seiner Enthüllung die bunt glitzernde Losung: „Union Berlin wie es singt und blinkt.“

 
Und höflich waren die Eisernen Feuerwerker ebenfalls. Hatten sie doch artig gewartet, bis das vor jedem Spiel im Erzgebirgsstadion eingespielte „Glück Auf“ einige Strophen alt war. Ich liebe dieses alte Bergmannslied, welches von der großen Hoffnung der Kumpel erzählt, nach jeder harten Schicht unter Tage das Sonnenlicht und die Augen der Liebsten wiederzusehen. Ja, ich liebe dieses Lied, welches ich dank meiner Liebe, die wie ihre Eltern aus dem Erzgebirge stammt, bereits in vielen, ungleich schöneren Varianten hörte als jene derzeit in Aue abgedudelte, billig verschlagerte Mitklatsch-Schunkelmugge unterster Kategorie.

 
Also, die Unioner warteten höflich einige Strophen des von den Einheimischen lediglich durch rhythmisches Mitklatschen begleiteten Gedudels ab, bevor sich erste Rauchzeichen aus ihrem Block erhoben. Dann erst malten vorschriftsmäßig nach oben abgeschossene Feuerwerkskörper ein funkelndes Sternenmeer an den Nachthimmel überm Auer Stadion, während glurote Blinktöpfe den Gästeblock – zumindest optisch – in ein einziges, lichterloh brennendes Feuer verwandelten.

 
„Im Block selbst sah das gar nicht so toll aus“, erzählte mir eine Unionfreundin, die seit vielen Jahren begeistert auswärts fährt und nicht das Geringste mit jeder Form von gewaltsamer Auseinandersetzung am Hut hat.

 
Aber wie erging es den Aue-Fans, während der Gästeblock ihres Stadions „loderte und brannte“? Gerieten sie massenhaft in Panik? Bliesen sie zur Attacke auf die Unioner, oder aber wandten sie ihre Blicke hoffnungsvoll gen Himmel, wo doch hoffentlich jeden Moment riesengroße Truppentransporter ganze Heere von nahkampfgestählten Fallschirmjäger überm Gästeblock ausspie, um diese „gemeingefährlichen Berliner Terroristen“ zu stoppen?

 
Zumindest gegenüber, wo eines der im Internet publizierten Privat-Videos gedreht wurde, verharrte man äußerst gelassen. Ich höre ein paar Männer, dem Klang ihrer Stimmen nach befinden sie sich fernab jedweder jugendlichen Aufmüpfigkeit, die gemütlich vor sich hin lachen. „Hinsetzne!“ mahnt ein Erzgebirger seinen Vordermann. Offenbar hatte ihm jener die Sicht auf das in seinen Augen wohl durchaus sehenswerte Schauspiel im Gästeblock versperrt.

 
Und wie lautet Bunkis Bilanz des Eisernen Feuer-Spiels?: „Es gab keine Trommelfell gefährdenden Knallkörper oder Böller. Es wurden alle Leuchtgeschosse gezielt nach oben in den freien Nachthimmel geschossen. Niemand wurde durch Bengalos gefährdet. Und die vier Minuten, die die Partie später anfangen musste, sind nun wirklich nicht der Rede wert.“

 
Das gilt natürlich nur für all jene, die sich nicht mit dem Dealen von Werbeminuten in kommerziellen Sport-Übertragungen im Fernsehen goldene Nasen verdienen.

 
Aber was hätte dabei alles passieren können? Auch hier bleibt Bunki gelassen: „Mal ehrlich, in einer Silvesternacht ist es rund ums Brandenburger Tor viel gefährlicher.“

 
Ganz ehrlich, ich hasse den alljährlichen massenhaften Einsatz von Böllern, Feuerwalzen & Co seit meiner Kindheit. Ich mag es nicht, wenn mir all dieser umweltverschmutzende Schrott Jahr für Jahr um die Ohren fliegt. Erst recht verurteile ich es, beschießt jemand andere Lebewesen absichtlich mit diesem Kriegsspielzeug für Erwachsene. Mit alledem hatte das Eiserne Feuerwerk in Aue, zumindest in meinen Augen, jedoch nicht das Geringste zu tun. Immerhin bescherte es etlichen Großbuchstaben-Journalisten eine Gelegenheit, mit althergebrachten Phrasen Zeilen zu füllen.

 
Und auch ich habe ja mit dem Verfassen dieses Kapitels mein heutiges Tagwerk vollbracht und kann mich nun noch einmal in Ruhe das Ganze auf Video reinziehen. Eines weiß ich jetzt schon: Die unserem Verein für dieses fachgerecht abgebrannte Feuerwerk aufgebrummte Strafe wird eine neue Eiserne Spendenaktion ins Leben rufen, deren  Erlös – so meine naive Hoffnung – anschließend einem wirklich vernünftigem Zwecke dient, frei nach dem Motto: Brot statt Gehälter für Sonder-Bestrafungskommissions-Funktionäre.

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Foto: www.unveu.de

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