Auch wenn Du jetzt einen Anzug trägst – in dir steckt noch immer ein Raufbold!

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Hallo mein lieber FCU,

nun sind es bald 30 Jahre, die ich mit dir mit verbracht habe. Die Zeiten waren nicht immer einfach, wahrlich nicht. Aber eins waren sie immer – unterhaltsam. Langeweile kommt mit dir eigentlich nie auf. Und doch ist es heute anders als früher. Etwas eingefahren, routiniert. So kannte ich dich gar nicht. Und ich weiß auch gar nicht, ob mir das so richtig gut gefällt…

1986 FDGB-Pokalfinale (Foto: Bürste)

1986 FDGB-Pokalfinale
(Foto: Bürste)

Früher war alles klar. Du bist von Skandal zu Skandal geeilt und spätestens ab Anfang der 90’er hat man sich ja auch auf den Rängen per Handschlag begrüßt. Skurrile Auswärtsfahrten inklusive. Spandau – jedes Jahr ein anderer Sportplatz. Erfurt – 50 Mann von zwei Wasserwerfern begleitet. Stendal – nur zwei Worte: Rainer Wiedemann. Immer wieder schnupperten wir mal an höheren Aufgaben und blieben doch nur eine gute Adresse in der Regionalliga. Wir hatten Pagelsdorf und Barbarez. Hat man uns mal Geld in die Hand gegeben, war die Kohle meistens schnell weg. Immerhin haben wir in so einer Phase dann doch mal den Sprung in die 2. Liga geschafft. Und sind himmelhochjauchzend mit dem Arsch wieder so richtig auf den Boden geknallt. Typisch mein FCU. Aber was macht man nicht alles für ein 8:0 gegen den Schiebermeister?

Doch gerade in dieser Phase hast Du begonnen dich zu verändern. Du wurdest… besonnener. Du hattest jetzt Menschen auf der Brücke, die sich um dich gekümmert haben, die deine Skandale in die Schublade gesteckt haben und dich sportlich und wirtschaftlich Stück für Stück in sicheres Fahrwasser geführt haben. Nicht ganz zufällig, aber doch ziemlich überraschend bist du dann als erster Meister der neuen 3. Liga wieder in die 2. Liga aufgestiegen. Und da bist Du nun. Fast schon Stammpersonal. Und du kiekst sogar schon wieder mit einem Auge nach oben. Klar, zurückhaltend warst Du ja nie. Den Leitspruch „Fußball pur“ nimmst du trotzdem sehr ernst. Alles schick also?

Hmm… tja, da wird es halt schwierig mit uns beiden. Du hast dich rausgeputzt. Unser alte WG wurde zu einem schicken Loft umgebaut. In deinen Büros arbeiten heute gefühlt mehr Menschen, als in allen Jahren vorher zusammen. Und wer kommt da nicht alles zu unseren Partys an den Wochenenden? Leute, Leute, Leute. Und was für Leute. Da stehen die Berlin-Mitte Hipster neben der Familie, frisch im Fanshop eingekleidet, und dem Malocher, der es gerade noch von der Schicht ins Stadion geschafft hat. Ganze Schulklassen von außerhalb finden sich ein und die britischen oder spanischen Hopper sind ja fast schon legendär. Und auf der Geraden dürfen fröhlich Gästeschals hochgehalten werden. Freundschaft!

Klingt alles toll – und doch… und doch. Und doch kann ich es dir nicht erklären. Du bist ein hippes Produkt geworden, eine Marke, die sich ziemlich leicht neben der anderen Berliner Marke etablieren konnte. War ja auch klar, dass nicht jeder Berliner auf Event-Marketing in pompösem Riesenambiente steht. Manche stehen auch auf Event-Marketing in Stehplatzambiente mit Bratwurst in der Hand. Und du wurdest gerade bei Frauen sehr beliebt. An sich ja keine schlechte Sache. Ich finde Frauen toll! In Maßen. Im Überfluss kann es jedoch… anstrengend werden. So wird man schon mal blöd angeschaut, wenn man gegen Cottbus „Absteiger“ brüllt, während der Rest gerade einhellig mit dem Gästeblock „Scheiß Dynamo“ ruft. Oder man bekommt strenge Blicke, wenn man „wir werden alles zerlegen“ schmettert, während die Stehplatznachbar(i)n lieber „alles erleben“ will.

Überhaupt – Stehplatz. Alle finden sie toll. Sind ja so ursprünglich und anders. Aber das man in einem Stehplatzstadion nur bedingt Anrecht auf einen bestimmten Platz hat, scheint nicht jedem unserer Gäste klar zu sein. Verweist man dann höflich auf die Sitzplatz-Tribüne, werden einem schlimmstenfalls noch die Arbeitsstunden vorgerechnet, die derjenige an dieser – oder war es eine andere – Stufe gebaut hat. Und besonders drollig finde ich es ja, wenn ein neuer Spieler quasi über Nacht zum Publikumsliebling avanciert, nur weil er… ja was eigentlich? Beweist, dass auch Hobbits Fußball spielen können? Aber jut, vielleicht lechzt das Volk ja wirklich nur nach einem neuen „Gibby“ – wobei das meiste Volk sicherlich noch nie was von „Gibby“ gehört haben dürfte…

Oh ja, es hat sich doch einiges gewandelt. Aber klar, Stillstand ist der Tod und alles entwickelt sich irgendwie weiter. Zum Guten? Das liegt wohl wie stets im Auge des Betrachters. Aber es bleibt schon abzuwarten, wie es mit dir, mit uns allen weiter geht. Wie gesagt, Du schielst nach oben. Doch woher soll die sportliche Qualität eigentlich kommen? Fußball pur ist dein Motto. Richtig so. Bloß – nur mit Eberswalder Würstchen steigt man eben nicht auf. Da braucht man andere stille Reserven. Meine nächste Sorge. Aber wahrscheinlich besser, wenn man darüber nicht zu viel erfährt…

Tja, mein lieber FCU. Ich könnte noch eine Weile in dieses Horn blasen, auch zu anderen Bereichen. Aber – vielleicht bin ich auch einfach nur ein wehmütiger alter Klotz, mit verklärtem Blick auf die Vergangenheit. Oder habe ich nur Angst, dass aus meiner kantigen Ecke Union vielleicht ein in der Strömung der Popularität rund geschliffener Kieselstein wird? Ein von innen heraus angepasstes Produkt der Liga, trotz Stehplatzstadion, trotz „Fußball pur“? Manche wollen mit dir in die 1. Bundesliga. Manche wollen am liebsten wieder in die Regionalliga. Ich finde uns ja da wo wir sind ziemlich passend, aber… wer will das schon, im Niemandsland der Tabelle, jedes Jahr, so wie der VfB Stuttgart?! Eben…

Darum – lass es bitte weiter unterhaltsam sein, spannend, nicht eingefahren. Nicht verwässert auf den Rängen, nicht nur so unendlich absehbar im sportlichen Bereich. Nutze Deine außergewöhnliche Stellung. Auch wenn Du jetzt einen Anzug trägst – in dir steckt noch immer ein Raufbold!

suk
www.fcub.de

Foto: http://www.unveu.de

Foto: www.unveu.de

 

2 Responses to “Auch wenn Du jetzt einen Anzug trägst – in dir steckt noch immer ein Raufbold!”

  1. Holger

    ganz stark! danke fuer diese zeilen!

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